Veröffentlichungen Duft-Splitter

Duft-Splitter


Interessantens und Amüsantes
In der Rubrik „Duft-Splitter“ greift unsere Autorin Johanna Bauer aktuelle, wissenschaftliche Veröffentlichungen rund um die Schwerpunkte „Duft“ und „Aroma“ auf. Die informativen, kurzen Beiträge erscheinen regelmäßig in unserer Fachzeitschrift F·O·R·U·M.
[aus: Forum 58, 2021] Gegenseitige Hilfe ist im Tierreich weiter verbreitet, als man denkt. Wanderratten z. B. helfen sich des Öfteren gegenseitig, an Futter zu kommen. Die Tiere folgen dabei dem Prinzip „Wie du mir, so ich dir“. Denn wie unter Menschen ist es auch unter Tieren von Vorteil, immer darauf zu achten, nicht von egoistischen Sozialpartnern ausgenutzt zu werden. Aber wie lässt sich die Hilfsbereitschaft anderer Artgenossen erkennen, um dann entscheiden zu können, wem es sich seinerseits zu helfen lohnt?

Ratten sind nachtaktiv und sehen vergleichsweise schlecht. Sie kommunizieren im Ultraschallbereich und sie haben – wie Nagetiere allgemein – einen hochentwickelten Geruchssinn. Mit einer Serie von Experimenten hat ein Forschungsteam nun nachgewiesen, dass sie dafür den Geruch heranziehen, den hilfsbereite Artgenossen verströmen.

Nina Gerber, die Hauptautorin der Studie, hat die Tiere dafür so mit Sozialpartnern kombiniert, dass sie deren Hilfeleistung und den Geruch, den sie dabei abgeben, experimentell entkoppelte. „Egal, ob die Partnerratte im Nachbarabteil hilfsbereit war oder nicht – sobald dem Versuchstier der Geruch einer anderen Ratte, die einem anderen Tier half, in den Käfig geblasen wurde, stimmte sie das kooperativ“, erläutert sie ihre Ergebnisse. Überraschenderweise war der Geruch, und nur dieser allein, für die Hilfsbereitschaft der Versuchstiere verantwortlich. Alternative Reize wie visuelle oder akustische Signale als mögliche Auslöser für die Hilfsbereitschaft der Versuchstiere konnten durch die Experimente ausgeschlossen werden.

Quelle: Universität Göttingen
[aus: Forum 58, 2021] Im Rahmen eines europäischen Forschungsprojekts versuchen Wissenschaftler, Gerüche anhand von Hinweisen zu rekonstruieren, die sich in alten Gemälden und Texten finden lassen. Dieses sog. „Odeuropa“-Projekt möchte „aromatische und sensorische Erfahrungen“ in der Kulturgeschichte Europas aufspüren – mit dem Ziel, historische Aromen systematisch zu untersuchen und schließlich in einer eigens angelegten „Geruchs-Enzyklopädie“ zu archivieren.

An dem Projekt beteiligen sich Forscherinnen und Forscher aus sechs europäischen Ländern. Geleitet wird es von den beiden Niederländerinnen Inger Leemans und Marieke van Erp von der holländischen Akademie der Künste und Wissenschaften. Um längst vergangene Gerüche wieder zum Leben zu erwecken, setzen sie auch auf künstliche Intelligenz (KI). Mit Hilfe von Computeranalysen wollen sie Tausende von historischen Bildern, Gemälden und Texten auf Hinweise scannen, was unseren Vorfahren so alles an Gestank und angenehmen Düften in die Nase gestiegen ist. Alle erfassten Daten sollen schließlich in einer „Geruchs-Enzyklopädie“ gespeichert und auch für zukünftige Generationen jederzeit abrufbar gehalten werden.

Einen Museumsbesuch auch als „olfaktorisches Erlebnis“ zu gestalten ist eine der naheliegenden Möglichkeiten, die sich anbieten, um die Ergebnisse des Forschungsprojekts zu vermitteln. Museumsbesucher könnten in Zukunft also vielleicht neben einem Audioguide zugleich Riechstreifen ausgehändigt bekommen. Beim Anblick etwa eines Schlachtengemäldes hätten sie dann die Möglichkeit zu erfahren, wie es im Juni 1815 bei Waterloo gerochen haben mag: nach Schießpulver, Pferden, nasser Erde, Blut und Angstschweiß vermutlich.

Quelle: www.odeuropa.eu
[aus: Forum 58, 2021] In der Sprache ist das Phänomen bekannt und drückt sich in Redewendungen aus wie: Etwas Schlimmes „liegt in der Luft“, oder: Man „wittert Unheil“. Wissenschaftlich untersucht aber ist es bisher kaum, ob und warum Säugetiere Gefahren auch über die Nase wahrnehmen können. Ein Forscherteam um den Physiologie-Professor Frank Zufall hat kürzlich in der Mausnase einen Mechanismus entschlüsselt, der beim „Wittern“ von Gefahr eine zentrale Rolle spielt. Sie identifizierten spezielle Sinneszellen, die schon auf feinste Konzentrationen von Schwefelwasserstoff (H2S) reagieren. Der Geruch von H2S wird nicht nur als äußerst unangenehm und abstoßend empfunden (es „riecht wie nach faulen Eiern“). Das Gas ist auch eine der gefährlichsten biologisch produzierten Substanzen und kann zur Hemmung der intrazellulären Atmung und damit zum Tod führen.

Schwefelwasserstoff entsteht in der Natur dort, wo Bakterien keinen Sauerstoff verstoffwechseln können. Solche anaeroben Bedingungen herrschen auch an manchen Stellen im Erdreich. „Gräbt etwa eine Maus eine Höhle in einem Bereich, in dem Bakterien unter Ausschluss von Sauerstoff leben und H2S produzieren, kann das für sie lebensbedrohend sein“, erläutert Professor Frank Zufall. Im menschlichen Sozialverhalten spielt H2S z.B. eine Rolle bei der abstoßenden Wirkung von chronisch schlechtem Mundgeruch (Halitosis). Er entsteht hauptsächlich durch die Produktion von bakteriellem Schwefelwasserstoff in der Mundhöhle und wird vermutlich instinktiv von den Mitmenschen mit einer Infektion assoziiert.

Die Sinneszellen, sogenannte „Typ-B-Zellen“, die von den Forschern in der Nase von Mäusen identifiziert wurden, reagieren schon auf geringste Schwefelwasserstoff-Konzentrationen. Sie lösen bei den Tieren eine Stressreaktion aus, die dazu führt, dass sie diese Stellen auch in Zukunft meiden. „Dieser Detektor für Schwefelwasserstoff ist der empfindlichste, der bisher im Tierreich entdeckt wurde“, erklärt Frank Zufall. „Wir haben ihn mit empfindlichen industriellen Gas-Sensoren aus dem Bergbau verglichen, die auch bei steigenden H2S-Konzentrationen anschlagen, um die Bergleute zu schützen.“ Diese reagierten weniger sensibel als die Sinneszellen in der Mausnase.

Die Erkenntnisse des Forscherteams sind wichtige Bausteine für eine zentrale wissenschaftliche Frage: Wie können Krankheitserreger oder andere gefährliche biologische Substanzen durch unsere Sinnesorgane aufgespürt werden, um wichtige Abwehrreaktionen zu aktivieren? „Wir wissen jetzt, dass es Rezeptoren in der Nase von Säugetieren gibt, die Gefahrenstoffe aufspüren können“, so Frank Zufall. Auf dieser Grundlage können nun weitere Forschungsprojekte entstehen, die der Frage, wie Tiere und Menschen Bakterien, Viren und bestimmte Krankheiten „wittern“ können, auf den Grund gehen.

Quelle: Universität des Saarlandes

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FORUM 60 · 2022


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Schwerpunktthema: Multitalent Haut